Beckenbodengesundheit: 5 wichtige Fakten, die jede:r kennen sollte
Wusstest du, dass etwa 1 von 3 Frauen im Laufe ihres Lebens eine Beckenbodenstörung entwickelt? So verbreitet diese Beschwerden sind, so wenig wissen viele Menschen darüber, was der Beckenboden eigentlich tut, wie er den Alltag beeinflusst und wann ein Gespräch mit einer Fachperson sinnvoll ist. Die Fakten zu kennen kann dir helfen, informierte Entscheidungen für deine Gesundheit und dein Wohlbefinden zu treffen.
Der Beckenboden wird beim Thema Gesundheit oft übersehen. Deshalb stellen wir hier die wichtigsten Fakten als Einstieg in das Thema vor.
Was ist der Beckenboden?
Der Beckenboden ist eine Muskelgruppe, die Blase, Darm und Fortpflanzungsorgane stützt. Diese Muskeln tragen zur Kontrolle von Blase und Darm, zur Körperhaltung, zur sexuellen Funktion und zur Rumpfstabilität bei.
Fakt 1: Etwa 1 von 3 Frauen erlebt eine Beckenbodenstörung
Beckenbodenstörungen sind weit häufiger, als viele denken. Schätzungen zufolge erlebt etwa jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens eine Beckenbodenstörung. Dazu zählen Harninkontinenz, Senkung der Beckenorgane und Stuhlinkontinenz, die alle den Alltag und die Lebensqualität spürbar beeinträchtigen können. Trotz der hohen Häufigkeit sprechen viele das Thema nicht an, weil sie annehmen, die Symptome seien ein normaler Teil des Alterns, der Schwangerschaft oder der Geburt.
Der Beckenboden stützt Blase, Darm und Fortpflanzungsorgane und trägt gleichzeitig zur Kontinenz und Rumpfstabilität bei. Werden diese Muskeln oder das umgebende Bindegewebe geschwächt, gedehnt oder schlecht koordiniert, können Symptome entstehen. Beckenbodenstörungen werden zwar mit zunehmendem Alter häufiger, können aber Frauen jeden Alters und Aktivitätsniveaus betreffen.
Fakt 2: Beckenbodentraining ist ein fester Bestandteil der Physiotherapie
Beckenbodentraining hat in der Physiotherapie einen festen Platz und wird bei Belastungsinkontinenz in medizinischen Leitlinien häufig als erster Schritt genannt. Es wurde in der klinischen Forschung ausführlich untersucht, unter anderem in einer Cochrane-Übersichtsarbeit (Dumoulin, C., et al., 2018, Cochrane Database of Systematic Reviews, Nr. 10, siehe Quellen). Welche Rolle es in deiner Situation spielen kann, besprichst du am besten mit einer Fachperson.
Die Übungen zielen auf Kraft, Ausdauer und Koordination der Muskulatur, also auf das Zusammenspiel, das für die Kontinenz wichtig ist. Neben der Kontinenz geht es in der Physiotherapie oft auch um Selbstvertrauen, die Rückkehr zu körperlicher Aktivität und den Alltag.
Die Arbeit in der Physiotherapie geht oft über reine Übungen hinaus. Pelvine Physiotherapeut:innen können auch Atemmuster, Körperhaltung, Bewegungsstrategien, Blasengewohnheiten und weitere Einflussfaktoren berücksichtigen. Dieser umfassende Ansatz erlaubt ein Vorgehen, das auf die individuellen Symptome und Ziele zugeschnitten ist.
Fakt 3: Schwangere und Frauen nach der Geburt tragen ein höheres Risiko
Schwangerschaft und Geburt stellen erhebliche Anforderungen an den Beckenboden. Mit wachsendem Baby steigt der Druck auf die Muskeln, Bindegewebsstrukturen und Nerven, die die Beckenorgane stützen. Bei einer vaginalen Geburt können diese Strukturen gedehnt oder verletzt werden, was die Wahrscheinlichkeit einer Beckenbodendysfunktion erhöht.
Forschung identifiziert Schwangerschaft und Geburt durchgängig als wesentliche Risikofaktoren für Harninkontinenz, Senkung der Beckenorgane und andere Beckenbodenstörungen. Manche Symptome bessern sich nach der Geburt von selbst, andere können Monate oder Jahre bestehen bleiben. Vielen Frauen wird leider gesagt, Blasenschwäche, Druckgefühl oder Beschwerden seien einfach eine normale Folge des Kinderkriegens.
Auch wenn diese Symptome häufig sind, sind sie ein guter Grund für ein Gespräch mit einer Fachperson. Beckenboden-Physiotherapie begleitet Frauen während der Schwangerschaft und in der Rückbildungsphase und arbeitet dabei an Kraft, Koordination und Stützfunktion der Muskulatur. Eine frühe Beratung hilft, Veränderungen einzuordnen und den eigenen Beckenboden besser kennenzulernen.
Fakt 4: Beckenboden-Physiotherapie ist hochspezialisiert
Beckenboden-Physiotherapie ist ein spezialisiertes Feld der Rehabilitation, das zusätzliche Ausbildung und klinisches Training über die klassische Physiotherapie hinaus erfordert. Pelvine Physiotherapeut:innen sind darin geschult, die Muskeln, Nerven, Bindegewebsstrukturen und Bewegungsmuster zu beurteilen, die zu einer Beckenbodendysfunktion beitragen.
Behandlungspläne sind individuell und können Beckenbodentraining, Atemtechniken, Haltungskorrektur, manuelle Therapie, Verhaltensstrategien und Aufklärung zur Blasen- und Darmgesundheit umfassen. Therapeut:innen betrachten auch, wie der Beckenboden mit anderen Körperbereichen zusammenspielt, darunter Zwerchfell, Bauchmuskulatur, Hüften und unterer Rücken.
Viele gehen davon aus, dass Operation oder Medikamente die einzigen Optionen bei Beckenbodenstörungen sind. Konservative Maßnahmen wie Physiotherapie werden jedoch häufig zuerst besprochen, bevor invasivere Eingriffe in Betracht gezogen werden. Welche Schritte in welcher Reihenfolge sinnvoll sind, klärt eine Fachperson individuell mit dir.
Fakt 5: Alltagsgewohnheiten spielen eine Rolle
Nicht jede Beckenbodenstörung lässt sich verhindern, viele Risikofaktoren hängen aber mit täglichen Gewohnheiten und Lebensstilentscheidungen zusammen. Es lohnt sich deshalb, den Beckenboden über das ganze Leben hinweg im Blick zu behalten und seine Funktion zu kennen.
Regelmäßige Bewegung, gute Darmgewohnheiten, ein gesundes Körpergewicht und eine rückenschonende Hebetechnik werden im Zusammenhang mit Beckenbodengesundheit häufig genannt. Anhaltendes Pressen beim Stuhlgang zu vermeiden und passende Atemstrategien beim Training zu erlernen, kann die Belastung des Beckenbodens im Alltag verringern. Diese Gewohnheiten betreffen sowohl die Muskulatur als auch das Bindegewebe, die an Kontinenz und Organstützung beteiligt sind.
Wer früh ein Gefühl für den eigenen Beckenboden entwickelt, nimmt Veränderungen durch Alter, Schwangerschaft oder andere Einflüsse später im Leben oft bewusster wahr. Kleine, regelmäßige Gewohnheiten gehören dazu, und je früher sie selbstverständlich werden, desto leichter fallen sie über die Jahre.
Fazit
Beckenbodengesundheit wird oft missverstanden. Beckenbodenstörungen sind häufig und betreffen weit mehr als nur die Blasenkontrolle. Viele gehen davon aus, dass Symptome wie Urinverlust, Beckenschmerzen oder Beschwerden nach der Geburt einfach normal sind und nicht angesprochen werden müssen. Mit mehr Aufklärung über intime Gesundheit können wir Stigma abbauen und es leichter machen, das Thema in der ärztlichen oder physiotherapeutischen Praxis anzusprechen und die passende Versorgung zu finden.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei anhaltenden, wiederkehrenden oder belastenden Beschwerden wende dich bitte an eine Ärztin, einen Arzt oder eine andere Fachperson.
Möchtest du mehr erfahren? Sieh dir die Quellen zu diesem Artikel an.
American Physical Therapy Association. Pelvic Health Resources. www.aptapelvichealth.org
Hagen, Suzanne, et al. Pelvic Floor Muscle Training for Urinary Incontinence in Women: A Systematic Review. Cochrane Database of Systematic Reviews.
Dumoulin, Chantale, et al. (2018). Pelvic Floor Muscle Training versus No Treatment. Cochrane Database of Systematic Reviews, no. 10.
Nygaard, Ingrid, et al. (2008). Prevalence of Symptomatic Pelvic Floor Disorders in US Women. JAMA, 300(11), 1311-1316. doi.org/10.1001/jama.300.11.1311
Milsom, Ian, et al. (2001). How Widespread Are the Symptoms of an Overactive Bladder. BJU International, 87(9), 760-766. doi.org/10.1046/j.1464-410x.2001.02228.x